Gepostet am 18. August 2015 · Gepostet in Sprachwissenschaft

„Ist eine Verdolmetschung aller Redebeiträge und Übersetzung aller Schriftstücke die Antwort auf den Wunsch, die Menschen Europas näher zueinander zu bringen?“ Diese Frage stellt sich die EU zurzeit. Der bekannte italienische Schriftsteller Umberto Eco (Der Name der Rose) jedenfalls sagte schon 1993, vor mehr als 20 Jahren, während eines Vortrags „Die Sprache Europas ist die Übersetzung”. Doch stimmt das überhaupt? Schließlich hat trotz der besten Übersetzung jeder Mensch seine eigene Muttersprache, in der er kommuniziert und fühlt. Und in der Europäischen Union arbeiten 28 Staaten zusammen, die meisten davon mit einer eigenständigen Sprache, die nur in ihrem eigenen Land so und nicht anders gesprochen wird…

Doch auch und gerade in der Politik, die ja über Europa entscheidet, wird Übersetzung immer wichtiger. Schließlich arbeiten in den Organen der Europäischen Union Menschen aus aller Herren Länder zusammen und lassen einen an den Turmbau zu Babel denken. Und da nicht jeder Mitarbeiter dieser Organe die Sprachen aller 28 Mitgliedsstaaten, die untereinander einen gleichwertigen Status besitzen, sprechen kann, ist eine zuverlässige Verdolmetschung zum gegenseitigen Verständnis unerlässlich. Und ein Verständnis auf sprachlicher Ebene ist wiederum die Hauptvoraussetzung für ein Verständnis auf geistiger Ebene: für eine Zusammenarbeit und um zusammen neue Ziele zu erreichen. Bevor man von jemand etwas Neues lernt, muss man ihn also erst einmal verstehen, auf beiden Ebenen! Ist das sprachliche Verständnis somit gegeben, ist der Weg für das weitere Verstehen und Verstanden-werden bereitet. Auch wenn sie je nachdem eine enorme Herausforderung sein kann: Übersetzung bringt die Menschen Europas einander somit wirklich näher!

Zahlenmäßig ergeben sich bei der Übersetzung innerhalb der EU enorme Zahlen. Im Jahr 2012 wurden allein über eine Million Seiten übersetzt, die meisten davon ins Englisch, gefolgt von Französisch und Deutsch. Der Bedarf an Übersetzern und Dolmetschern ist dementsprechend auch sehr groß, in allen internationalen Bereichen. Eine Karriere bei einem europäischen Organ dürfte der Traum eines jeden Dolmetschers und Übersetzers sein. Früher hatte auch jedes Organ seinen eigenen Übersetzungsdienst. 1994 wurde daher eine Absprache getroffen, um die Übersetzungsdienste zu zentralisieren und in Luxemburg zusammenzuführen. Heute arbeiten dort mehr als 1700 Linguisten, Dolmetscher und Übersetzer und 550 Assistenten, die eine ständige Übersetzung und Verdolmetschung aus und in 24 Sprachen bereitstellen.

Und was tut die EU für ihre Nachwuchsförderung?

Ein schönes Beispiel für die Förderung von Jung-Dolmetscher ist der „Juvenes Translatores Contest“. Er wird jedes Jahr unter 17-jährigen Jugendlichen aller Mitgliedsstaaten veranstaltet und soll jungen Menschen die Möglichkeiten und Chancen aufzeigen, die sich durch das Verständnis von Fremdsprachen und den Zugang zu fremden Kulturen und Denkweisen ergeben und somit zu mehr Weltoffenheit aufrufen. Denn Übersetzen eröffnet neue Horizonte!