Warum romanische Sprachen so unterschiedlich sind

Gepostet am 18. Juli 2016 · Gepostet in Sprachwissenschaft

Sie gehören wahrscheinlich zu den populärsten und von Ausländern meist gelernten Sprachen: Die romanischen Sprachen. Diese haben sich aus dem gesprochenen Latein herausgebildet und gelten für viele Menschen aufgrund ihrer starken Verbreitung und ihrer oft angenehm-melodischen Aussprache als besonders beliebte Sprachen. So haben viele Menschen den Wunsch, zum Beispiel Italienisch oder Französisch zu lernen, entweder um vielleicht beim nächsten Sommerurlaub mit ein paar Worten im Zielland glänzen zu können, oder auch aus ganz allgemeinem Interesse an den Sprachen selbst. Da im Zuge der Globalisierung auch im Berufsleben der Kontakt mit ausländischen Geschäftspartnern immer wichtiger wird, kann es daher auch oft förderlich sein, neben dem Einsatz von professionellen Übersetzern, auch selbst eine (romanische) Fremdsprache zu erlernen.

Wenn Sie selbst vielleicht schon eine oder zwei romanische Fremdsprachen gelernt haben (auch an deutschen Schulen werden diese immer beliebter) sind Ihnen sicher schon des Öfteren Unterschiede in Grammatik und Vokabular aufgefallen, die bestimmt auch schon das ein oder andere Mal für Verwirrung gesorgt haben.

So finden sich gerade im Wortschatz oft Unterschiede, die man eigentlich aufgrund der starken Verwandtschaft unter den romanischen Sprachen gar nicht erwarten würde.

So ist das italienische Wort für „Tisch“ zum Beispiel „tavola“, während im Spanischen für denselben Ausdruck das Wort „mesa“ benutzt wird. Dies verwundert viele Lerner und es stellt sich die Frage: Wie sind diese Unterschiede sprachgeschichtlich zu erklären?

Einen Erklärungsversuch liefert eine Theorie des italienischen Linguisten Matteo Bartoli (1873-1946), der die Verteilungsmuster von Wortschatzelementen innerhalb der „Romania“ untersucht hat. Unter „Romania“ versteht man den geographischen Bereich, in dem romanische Sprachen gesprochen werden. Heute erstreckt sich die Romania von der iberischen Halbinsel (wo Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch und Galicisch gesprochen werden) über Frankreich (vertreten mit den Sprachen Französisch, Okzitanisch und Frankoprovenzalisch) und Italien bis hin nach Rumänien.

Dabei untergliederte Bartoli die Romania in zwei Teile, die sogenannte „Zentral-“, sowie die „Randromania“. Da Rom schon seit jeher als unbestrittenes Zentrum des romanischen Kulturkreises galt, verwundert es nicht, dass laut Bartoli Italien und Frankreich zur Zentralromania gehören, während Länder wie Rumänien im Osten und Spanien und Portugal im Westen der Randromania zugeordnet werden.

Bartoli ging davon aus, dass alle sprachlichen Trends und Innovationen in vergangener Zeit von Rom ausgingen und sich langsam ihren Weg nach draußen in die Randgebiete bahnten.

Dabei gelangte so manche Sprachinnovation von Rom aus zwar noch bis nach Frankreich, schaffte aber den Weg buchstäblich nicht mehr über die Pyrenäen bis zur iberischen Halbinsel im Westen, oder die geographisch beachtliche Strecke bis nach Rumänien im Osten. Daher haben sich in den geographisch von Rom weiter entfernten Randgebieten oft eher ältere Wortformen erhalten. Der Ausdruck für „Kopf“ illustriert dies anschaulich: Während sich die in den Ländern der Randromania vorhandenen Worte stark am lateinischen Ursprung „CAPUT“ zu orientieren scheinen (Portugiesisch: „cabeça“, Spanisch: „cabeza“, Katalanisch: „cap“, Rumänisch: „cap“) so sehen die Äquivalente der Zentralromania ganz anders aus (Italienisch: „testa“, Französisch: „tête“) und gehen auf den lateinischen Ausdruck „TESTA“ zurück. Dies lässt den Schluss zu, dass die auf „CAPUT“ basierenden Ausdrücke der Randromania sprachgeschichtlich älter sein müssen, während es sich bei den zentralromanischen Ausdrücken um eine jüngere, innovative Form handelt, die sich nicht im gesamten Sprachgebiet durchsetzen konnte.

Auf jeden Fall bringen Unterschiede dieser Art den romanischen Sprachen eine reichhaltige Vielfalt, die auch dazu einladen kann, sich näher mit den einzelnen Sprachen zu beschäftigen. Und sollte die Verwirrung doch einmal zu groß werden, wissen Sie ja, wie Sie uns finden!