Gepostet am 21. Februar 2017 · Gepostet in Sprachwissenschaft

Im folgenden Text wird es sich hauptsächlich um eine Sprache handeln, die auf einer netten Insel inmitten des Mittelmeeres gesprochen wird: Sardisch.

Vielen ist die Existenz dieser Sprache nicht bekannt, und viele werden sich fragen “warum ausgerechnet darüber reden, wenn es doch so viele Dialekte in Italien gibt?!”. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Sardisch ist kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache, die sich ziemlich unabhängig vom Italienischen entwickelt hat. Somit handelt es sich um einen Einzelfall, da in Italien sonst keine weiteren eigenständigen Sprachen entstanden sind.

Wer sich ein wenig für Sprachwissenschaften interessiert, wird vielleicht neugierig sein, herauszufinden, warum sich eigentlich diese Sprache entwickelt hat, und warum sie nur auf Sardinien gesprochen wird. Außerdem wäre es auch interessant zu erfahren, welche Eigenschaften sie eigentlich zu einer Sprache machen, und nicht zum Dialekt. Dazu sollte allerdings erwähnt werden, dass es keine richtige Definition gibt, die festlegt, was eigentlich ein Dialekt ist.

Was ist eigentlich ein Dialekt?

Oftmals wird als Hauptargument gesagt, dass eine Varietät als Sprache gilt, wenn sie von Sprechern der Standardsprache nicht verstanden wird (wenn man außen vor lässt, dass die Sprache vielleicht in der Schule gelernt wurde o.Ä.). Wenn ein Deutscher also nie Französisch gelernt hat, wird es ihm mithilfe seiner eigenen Muttersprache unmöglich sein, Französisch zu verstehen. Genauso andersherum, ein französischer Muttersprachler kann auch kein Deutsch verstehen. Doch so einfach ist es leider nicht, denn wir Deutschen könnten auch Niederländisch und Dänisch recht gut verstehen, da diese Sprachen mit dem Deutschen verwandt sind. Doch trotzdem handelt es sich um eigene Sprachen und nicht um Dialekte des Deutschen. Außerdem ist „Verständnis“ eine Definitionssache, denn ich verstehe auch Niemanden, der Bairisch spricht, obwohl es sich dabei ganz eindeutig um einen deutschen Dialekt handelt.

Eine weitere Definition ist die, dass eine Sprache aufgrund Landesgrenzen als eigene Sprache gilt. Das würde natürlich erklären, weshalb Niederländisch, Dänisch und Deutsch alles eigene Sprachen sind, obwohl sie starke Ähnlichkeiten aufweisen. Doch auch das kann man nicht so stehen lassen, denn es gibt genug Länder, in denen mehr als eine Sprache gesprochen wird und es handelt sich dabei auch nicht um verschiedene Dialekte, obwohl keine Landesgrenze dazwischen liegt.

Die Liste der historisch und linguistisch motivierten Definitionen ist dabei vielfältig.

Im Grunde genommen kann man sagen, dass das Zusammenspiel mehrerer Argumente eine Sprache von einem Dialekt abgrenzt, man sich aber bei einigen Dialekten nicht einig ist, ob es sich bei denen nicht doch um eine Sprache handelt, je nachdem wie man die Definitionen interpretiert.

Ist Plattdeutsch ein Dialekt, oder vielleicht doch eine Sprache?

Ein Beispiel dafür ist das Niederdeutsche, bzw. Plattdeutsch. Eigentlich als Dialekt festgelegt, gibt es Argumente dafür, dass es vielleicht doch als eigenständige Sprache definiert werden sollte. Zum einen hat es eine Schriftsprache, was bei den meisten Dialekten nicht der Fall ist, zudem hat das Niederdeutsche eine eigene Grammatik, weshalb es eigentlich als Sprache einzuordnen wäre. Hinzu kommt, dass das Niederdeutsche, so wie alle anderen nicht-deutschen germanischen Sprachen, die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht hat, die um 500 n. Chr. die deutsche Sprache von anderen germanischen Sprachen abgegrenzt hat. Plattdeutsch zeigt daher teilweise stärkere Ähnlichkeiten zum Niederländischen und zum Englischen auf, als zum Deutschen.

Sardisch als Sprache

Nun, mit der sardischen Sprache verhält es sich gewissermaßen ähnlich wie mit dem Niederdeutschen. Nur, dass Sardisch inzwischen länger als eigene Sprache anerkannt ist und unumstritten ist, dass es sich dabei nicht um einen Dialekt handelt.

Sardisch hat sich, so wie Italienisch, direkt aus dem Vulgärlatein entwickelt, und ist nicht erst aus dem Italienischen entstanden. Genau genommen kann man sogar sagen, dass die sardische Sprache älter ist als die italienische. Es gibt viele linguistische und historisch bedingte Hintergründe, weshalb es sich bei Sardisch nicht um einen Dialekt handeln kann.

Sardisch begann sich bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. vom Lateinischen abzugrenzen, im 11. Jahrhundert n. Chr. Hatte es sich zu einer eigenständigen Sprache herausgebildet. Die ersten schriftlichen Nachweise auf das Sardische werden auf das 7. Jahrhundert n. Chr. zurückdatiert. Im Vergleich dazu: erste Schriften im Italienischen stammen aus dem späten 8. Jahrhundert n. Chr.

Sprachliche Besonderheiten des Sardischen

Eine auffällige sprachliche Besonderheit des Sardischen ist das Benutzen der Endung „-u“ bei femininen Substantiven, während die Substantive im Neutrum meist mit „-mene“ enden. Diese Endung hat sich aus der lateinischen Endung „-us“ herausgebildet.

Die bestimmten Artikel „su“/“sa“ (Singular mask./fem.) und „sos“/sas“ (Plural mask./fem.) sind abgeleitet aus den spätlateinischen Artikeln „ipse“, „ipsu(m)“, „ipsa(m)“, statt wie im Italienischen („il“/ „lo“, „la“) und anderen romanischen Sprachen aus den lateinischen Demonstrativpronomen „ille“, „illa“, „illud“.

Die Pluralformen enden meist auf „-s“, was den westromanischen Sprachen gleich kommt, während sie im Italienischen auf „-e“/ „-i“ enden.

Sprachliche Einflüsse

Es wurde bereits gesagt, dass Sardisch sich aus dem Lateinischen entwickelt hat. Doch vor der Eroberung Sardiniens durch die Römer hat das sardische Volk eine andere Sprache gesprochen. Es gibt praktisch keine Überlieferung darüber, wie das Ursardische geklungen haben mag, doch bei einigen Ortsnamen, Tier- und Pflanzennamen findet man vor-lateinische Begriffe. Um welche Sprachen es sich handelt, die die sardische Sprache vor den Römern beeinflusst haben, ist allerdings nicht bekannt. Es finden sich allerdings einige vor-lateinische Begriffe, es handelt sich dabei hauptsächlich um Tier- und Pflanzennamen, aber auch Ortsnamen. Es ist nicht bekannt, welche Sprachen dort ihren Einfluss ausgeübt haben.

Doch es gibt einige Vermutungen, Aufgrund einiger Ähnlichkeiten zu anderen, nicht-romanischen Sprachen. Zum Beispiel wird das -ll- als retroflexer Ton ausgesprochen, das [f] wird aspiriert. Außerdem gibt es in der Aussprache den Glottalverschluss (welches in romanischen Sprachen kaum bis gar nicht vorhanden ist). Diese Eigenschaften sind vermutlich aus dem eurafrikanischen Substrat entlehnt. Das Setzen von -rr- nach den Vokalen /a, e, o, u/ lässt sich in ähnlicher Weise auch in Nordafrika, Iberien, Mittelitalien und Gascogne beobachten; es erinnert stark an das Baskische.

Typisch für Sardinien und Nordafrika sind Suffixe, in denen nach einem betonten Vokal ein “-i” folgt: -ái, -éi, – ói, – úi (z.B. Oroséi). Weitere Suffixe vor-römischem und afrikanischem Ursprungs sind “-ána” (Ottána) und “-ini” (Barúmini, Assémini).

Nach der Eroberung durch die Römer haben andere Mächte die Insel besetzt: bis in das 11. Jahrhundert n. Chr. sind immer wieder die Araber in Sardinien eingefallen, 1322 wurde Sardinien durch Aragonien beherrscht, und als 1478 die Insel endgültig der aragonesischen Herrschaft verfiel, wurde Katalanisch zur Kultur- und Verwaltungssprache festgelegt und Sardisch wurde zurückgedrängt. Noch heute erkennt man einzelne Einflüsse des Arabischen und des Katalanischen in der sardischen Sprache. Später fiel Sardinien unter die Herrschaft Spaniens und Spanisch wurde im 17. Jahrhundert n. Chr. Die offizielle Sprache, während das Volk weiterhin am Sardischen festhielt. Im frühen 18. Jahrhundert n. Chr. Wurde Sardinien zu einem Italienischen Königreich, nachdem Österreich die Insel im Tausch für Sizilien an Vittorio Amadeo II abgegeben hatte. Erst 1764 wurde Italienisch die offizielle Sprache an Universitäten, Schulen und Gerichten eingeführt, doch sie hat bis heute nach Latein den größten sprachlichen Einfluss auf die Sardische Sprache ausgeübt. Spanisch blieb allerdings noch bis zum 19. Jahrhundert n. Chr. Verkehrs- und Verwaltungssprache auf Sardinien.

Sardisch: ein Oberbegriff für verschiedene Dialekte

Es wird oft fälschlicherweise angenommen, dass Sardisch eine einzelne Sprache wäre. Aber eigentlich besteht sie aus verschiedenen Dialekten, die zusammen die „sardische Sprache“ bilden.

Es gibt drei Hauptdialekte: Logudoresisch, Nuoresisch und Campidanesisch. Logudoresisch gilt als der am besten erhaltene sardische Dialekt, der dem frühen Sardisch ähnelt. Nuoresisch ist eine Abwandlung des logudoresischen Dialektes. Beides wird in der nördlichen Hälfte der Insel gesprochen. Das Campidanesische ist dagegen am weitesten verbreitet auf Sardinien: es nimmt die gesamte südliche Hälfte der Insel ein. Die Grenzen zwischen diesen Dialekten sind mitunter fließend. So gibt es noch einige kleinere Dialekte, wie (hier muss man die italienischen Begriffe nutzen, da keine Übersetzung gefunden werden konnte) barbaricino, ogliastrino und arborense, die Eigenschaften des Nuoresischen, des Campidanesischen und des Galluresischen gleichermaßen besitzen und es also schwierig ist, sie einem Dialekt zuzuordnen.

Es werden auf Sardinien noch andere Dialekte gesprochen, die allerdings keine sardischen Dialekte sind: Sassaresisch und Galluresisch gelten als italienische Dialekte und haben sich aus dem Korsischen entwickelt. Diese beiden Varietäten werden im Norden gesprochen.

Doch auch wenn es keine natürlich entstandene gemeinsame sardische Sprache gibt, die man als „offizielle“ Sprache verwenden könnte, blieb es nicht unversucht, eine zu entwickeln, um Sardisch als offizielle Sprache anerkennen zu lassen.

Das Problem der Zweisprachigkeit und der Versuch, eine einheitliche sardische Sprache einzuführen

In den Städten wird heutzutage vorwiegend Italienisch gesprochen, in den ländlichen Gegenden spricht man im Alltag allerdings noch Sardisch. Die Sprache geht durch die Italianisierung aber immer weiter zurück.

Die Tatsache, dass Sardisch keine einheitliche Schriftsprache besitzt, stellt ein weiteres Problem dar, die Sprache zu erhalten. In den 1970er Jahren wurde eine Bewegung ins Leben gerufen, Sardisch zu “retten”, indem viele Texte auf Sardisch verfasst wurden, die bis heute anhält.

Seit 1997 ist Sardisch neben Italienisch Landessprache Sardiniens, nachdem der Antrag bereits 1978 gestellt wurde. Doch noch bis heute steht die Entscheidung der Europäischen Union aus, Sardisch als Minderheitensprache anzuerkennen.

Im Sinne der Initiative, Sardisch als offizielle Sprache anerkennen zu lassen, wurden die “Limba Sarda Unificada” (L.S.U.) und danach die “Limba Sarda Comune” (L.S.C.) entwickelt. Diese sollen eine einheitliche sardische Sprache darstellen. Nachdem die L.S.U. als zu künstlich kritisiert wurde, ist daraus die L.S.C. entstanden, die die Gemeinsamkeiten des Logudoresisch, des Campidanesisch und des Nuoresisch beinhaltet und zu 92,8% natürlich ist. Die L.S.C. wurde 2006 gesetzlich anerkannt und wird für Gesetzestexte und Dokumente genutzt.

Wie man sieht, hat die Insel einige Anstrengungen auf sich genommen, um ihre Sprache offiziell anerkennen zu lassen, und sie vom Status des „Dialekts“ abzuheben. Doch zu recht, denn Sardisch als Dialekt zu bezeichnen, würde den Facettenreichtum, den diese Sprache mit sich bringt, nicht zu genüge darstellen. Und die Sarden sind zu stolz, um hinzunehmen, dass etwas, das ihrer Kultur entsprungen ist, einen niedrigeren Status bekäme.

Doch es ist auch oft schwierig, zu entscheiden, ab wann eine Varietät als Sprache anerkannt werden sollte und wann sie noch als Dialekt gilt.

Zum Abschluss für diejenigen, die bis hierhin gelesen haben und neugierig sind, wie Sardisch überhaupt klingt, bzw. wie es sich liest, ein kleiner Ausschnitt aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry auf Sardisch:

Su Prinzipeddu

Ah! prinzipeddu, abellu abellu che l’apo cumpresa sa trista vida tua. Tue po meda tempus no as apiu ateru divagu si no sa durcura de su sole cando si corcat. L’apo cumpresu sa de battor dies, a manzanu, cando m’as narau: M’aggradat meda cando si corcat su sole.