Sprache als Emotionstransmitter?

Gepostet am 15. Mai 2015 · Gepostet in Sprachwissenschaft

Jeder kennt sie: Menschen mit einem sogenannten „Migrationshintergrund“, die perfekt akzentfreies Deutsch sprechen, deutsche Bekannte und Freunde haben und auch in ihren sonstigen Lebensgewohnheiten durch nichts als „Ausländer“ zu erkennen wären – wenn sie nicht bei einem Zwischenfall anfangen würden, zu fluchen wie ein Bierkutscher …in ihrer Muttersprache

Oder irgendwo in einem Gymnasium im Herzen Baden-Württembergs in der Abschlussklasse: Im Spanischkurs wird die Grenzabriegelung zwischen den USA und Mexiko in einer Debatte besprochen. Die Schüler beteiligen sich lebhaft, die Debatte wird immer hitziger. Schließlich muss der Lehrer die Debatte stoppen, bevor sie aus dem Ruder läuft. Im Gemeinschaftskunde-Unterricht, auf Deutsch angesprochen, zeigen die Schüler bei derselben Thematik hingegen ein eher mäßiges Interesse. Liegt das an der spanischen Sprache? Beeinflusst die Sprache, die wir sprechen, wirklich unser Interesse, unsere Emotionen und somit unsere Weltsicht?

Die britische Zeitung „The Independent“ hat letzten Monat eine Studie durchgeführt, in deren Rahmen sie deutsch- und englischsprachigen Menschen Videos gezeigt hat mit der Aufgabenstellung, das Gesehene hinterher zu beschreiben. Das verblüffende Ergebnis gestaltete sich folgendermaßen: Englischsprachige Probanden gaben das Gesehene mit „eine Frau fährt Fahrrad“ wieder. Die deutschen Testpersonen beschrieben die Szene im Gegensatz dazu eher mit „eine Frau fährt mit dem Fahrrad auf einen Supermarkt zu“. Somit waren die englischen Beschreibungen eher situations- und die deutschen hingegen zielorientiert.

Fest steht jedoch auch, dass alle Menschen prinzipiell zu beiden Orientierungen fähig sind. Dies ist an bilingualen Testpersonen klar ersichtlich. Denn in derselben Studie wurde eine Gruppe zweisprachiger Deutsch-Englisch-Muttersprachler einmal in Deutschland und einmal in Großbritannien getestet. Merkwürdigerweise wiesen die Personen in Deutschland eine Ziel- und in der englischen Umgebung eine Situationsorientierung auf, waren also in der Lage, unveränderte Zusammenhänge auf verschiedene Art und Weise anzusehen.

Heißt das nicht mit anderen Worten „Sprache drückt unsere Gedanken nicht nur aus, sondern hat auch eine reziproke Wirkung auf sie“? Eine aufregende Frage zum Nachdenken, führt sie doch zu weiteren interessanten Fragestellungen: Sind Spanier vielleicht gar nicht, wie in Klischees immer so schön behauptet wird, emotional und heißblütig, sondern ist es vielleicht eher ihre Sprache, die ihnen diese Attribute verleiht? Oder ist die Sprache nicht umgekehrt vielmehr der Spiegel deren heißblütiger, emotionaler Weltsicht?

Leider lässt sich darauf noch keine endgültige Antwort geben, mutet dieser Fragenkatalog doch an, wie die Frage mit der Henne und dem Ei…

Doch um eine Alternative zu bieten: Die Zeitschrift DIE ZEIT hat sich schon im Jahre 1966 mit dem Wesen verschiedener Sprachen beschäftigt. Und solange zu den obengenannten Fragen noch keine befriedigenden Antworten vorhanden sind, kann man sich gut an deren Anweisungen halten:

Es kommt nicht auf die Beschaffenheit der Sprache an, sondern auf die Gesinnung des sprechenden Menschen. Wir Deutschen können getrost mit Landsleuten und Ausländern weiterhin in der Sprache reden, die Karl V. mit seinen Rössern sprach, wenn wir nur mit unseren Mitmenschen nicht im gleichen Tonfall reden wie der Kaiser mit seinem Pferd!