Malinche, ambivalenteste Dolmetscherin der Geschichte

Gepostet am 13. Februar 2015 · Gepostet in Sprachgeschichte, Sprachwissenschaft

Wenn es um politische Allianzen, Strategien oder Beratungen geht, haben Dolmetscher schon von jeher häufig eine Schlüsselrolle gespielt, immer auch gepaart mit einer enormen Verantwortung. Denn wie leicht könnte beispielsweise der geplante Waffenstillstand scheitern, wenn nicht jedes Wort mit viel taktischem Geschick und Feingefühl übersetzt wird!

Doch durch diese herausgehobene Rolle, die ihnen bei bedeutenden Ereignissen zukommt, gelangen sie auch häufig zu großer Bekanntheit.

So ist beispielsweise der Dolmetscher Hermann Kusterer, der häufig für Konrad Adenauer und Charles de Gaulle dolmetschte, als Auszeichnung für seine Verdienste 2012 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden, da er einen wesentlichen Beitrag zur deutsch-französischen Aussöhnung leistete.

Doch Dolmetscher gab es zu allen Zeiten und in allen Völkern und auch aus früheren Zeiten sind einige von ihnen zu Berühmtheit gekommen. Manche von ihnen haben sogar teilweise heftige Kontroversen ausgelöst. So wie Malinche, die Dolmetscherin für Hernán Cortés, dem Eroberer von Mexiko, dem damaligen Aztekenreich…

Malinche, eigentlich Aztekin, wurde schon als Kind an Maya-Sklavenhändler verkauft und lernte wohl dort die Maya-Sprache. Als Cortés 1519 in Mexiko landete, wurde er von Mayas angegriffen, die sich allerdings schnell geschlagen geben musste. Unter den „Geschenken“ für den Sieger befand sich unter anderen Frauen auch Malinche, die fortan im Gefolge Cortés‘ lebte.

Als Cortés allerdings im Laufe seiner Erforschungs- und Eroberungszüge auf Azteken traf, die nicht Maya sprachen, wie Cortés‘ eigentlicher Dolmetscher, sondern Nahuatl, kristallisierte sich Malinches spätere Rolle das erste Mal heraus. Da Malinche gebürtige Aztekin war, sprach sie neben Maya auch Nahuatl und war daher in der Lage, für Cortés zu dolmetschen. Sie übersetzte das Nahuatl der Aztekenfürsten in die Maya-Sprache, Cortés‘ Übersetzer dann ins Spanische. Da es Malinche zusätzlich gelang, sehr schnell Spanisch zu lernen, wurde der Umweg über die Maya-Sprache bald unnötig und Malinche machte sich somit für Cortés unentbehrlich. Über sie gelangte er an strategisch unerlässliche Informationen, die er wohlgemerkt gegen ihr eigenes Volk verwendete, was Malinche sehr wohl bewusst war. Sie handelte somit gegen ihre kulturellen Hintergründe und ihr eigenes Volk und für einen ihr Fremden, der das Land systematisch eroberte und die Bewohner gegeneinander ausspielte. Vermutlich gelang Cortés die Eroberung des Aztekenreiches, verkörpert durch die Kapitulation Tenochtitláns, der heutigen Mexiko-Stadt, nur durch ihre Unterstützung und Beratung.

Heute ist ihre Rolle in der Geschichte sehr umstritten. Obwohl über ihr Leben, abgesehen von ihren Dolmetscherdiensten für Cortés, extrem wenig bekannt ist, stellt sie doch eine sehr kontroverse Frauenfigur der Geschichte dar. Für die Mexikaner ist und bleibt sie eine Verräterin am eigenen Volk, da sie die entscheidenden Informationen an die Eroberer weitergab. „Malinchismo“ ist in Mexiko sogar ein noch heute geläufiges Wort, das genau das Gegenteil von Patriotismus bedeutet: das übergroße Interesse an Fremdartigem und die höhere Wertschätzung ausländischer Kulturen gegenüber der eigenen, die eher als negativ bewertet wird.

Die Frage über das Warum ihres Handelns ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich liegen die Gründe dafür in Malinches Sklavendasein. Sie wurde von ihrer eigenen Familie an die Maya verkauft und dort auch als eine solche behandelt. Demnach erfuhr sie weder von ihrem aztekischen Umfeld her noch von den Maya als Sklaventreiber eine Form der Wertschätzung, konnte also zu ihrer eigenen Kultur und ihrem Land auch überhaupt keine Bindung aufbauen. Die fremden Spanier dagegen erregten ihre Aufmerksamkeit und weckten in ihr die Neugier für das Unbekannte und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Als ihr dann bewusst wurde, welche Verantwortung und auch Macht sie durch ihre Sprachkenntnisse über Cortés erhielt, überwogen die Möglichkeiten, die sich ihr dadurch auftaten, wohl einfach die kaum vorhandenen Bindungen an ihre Kultur, von der sie nur Negatives erfahren hatte.

Doch lässt man ihre Beweggründe einmal dahingestellt, wird aus dieser Lebensgeschichte doch die enorme Bedeutung eines Dolmetschers ersichtlich: Dolmetscher sind die Brücke zwischen den verschiedenen Sprachen- zum Vorteil für die eine oder andere Partei!