Gepostet am 6. Februar 2015 · Gepostet in Gebärdensprache, Sprachwissenschaft

Es gibt in unserer Mitte eine Sprache, die wahrscheinlich nicht jeder lernen möchte, aber trotzdem verdient sie unsere Aufmerksamkeit, weil sie in einem gesellschaftlich-sozialen Kontext steht und dadurch zu Sozialkompetenz und Toleranz aufruft. Es ist eine Sprache, die nicht mit Lauten gesprochen wird, sondern mit Gesten: die Gebärdensprache!

Berührungspunkte mit der Gebärdensprache ergeben sich bei dem Großteil der Bevölkerung wohl nur durch Gebärdensprachdolmetscher.

Was also sind Gebärdensprachdolmetscher?

Sicherlich ist Ihnen schon einmal auf dem Bahnhof einer größeren Stadt ein Bildschirm mit einer animierten Figur, die kunstvolle Handbewegungen vollführt, ins Auge gefallen. Möglicherweise waren Sie aber auch schon bei einer Veranstaltung, bei der ein Mensch derartige Bewegungsabläufe vollzogen hat, während andere um ihn herum gesprochen haben.

Egal, ob animiert oder real, bei diesen Personen handelt es sich um Gebärdensprachdolmetscher. Sie übertragen zum Beispiel auf Bahnhöfen Lautsprecheransagen in die Gebärdensprache und im Fernsehen die Aussagen der auftretenden Personen. Vor allem in der Kommunikation zwischen hörenden und hörgeschädigten oder gehörlosen Personen sind die Gebärdensprachdolmetscher das vermittelnde Glied, das die gegenseitige Verständigung überhaupt erst ermöglicht.

„Gebärdensprachdolmetschen“ wird an vielen Universitäten als Studiengang angeboten, danach steht einem entweder eine Karriere als freier Dolmetscher offen oder man entscheidet sich dafür, für Behörden und Ämter zu arbeiten.

Doch wie läuft die Verständigung in Gebärdensprache überhaupt ab?

Wie funktioniert Gebärdensprache?

Zuerst einmal ist die Gebärdensprache leider nicht, wie teilweise angenommen, international. Es existiert zu fast jeder häufiger gesprochenen Sprache die entsprechende Gebärdensprache. So gibt es zum Beispiel die Deutsche Gebärdensprache (DGS) oder die American Sign Language (ASL). Die Unterschiede zwischen den Gesten sind daher enorm.

Das Grundprinzip der Gebärdensprache bleibt in sich jedoch unverändert: Mit den Händen sprechen!

Es wird aber nicht jedes gesprochene Wort unmittelbar in eine Geste übertragen, sondern die Gebärdensprache folgt ihren ganz eigenen Regeln und besitzt daher auch eine eigene Grammatik und vier Alphabetarten (Deutsches Finger-Alphabet, Lorm-Alphabet, Nießen-Alphabet und Daktyl-Alphabet). So können beispielsweise Namen, für die es nicht immer Gesten gibt, in aller Regel mit einer dieser Alphabetarten buchstabiert werden.

Komplexere Inhalte werden aber selbstverständlich mit Gesten unter Beachtung der Grammatik- und Satzbauregeln ausgedrückt. Die Satzkonstruktion folgt dabei gewöhnlich der Reihenfolge Subjekt-Objekt-Verb. Zeitformen werden durch Zeitangaben (gestern, heute, morgen) ersetzt und ein Fragewort steht immer am Satzende.

Der Eindruck, dass Gebärdensprache nun aber allein mit den Händen gesprochen wird, ist keineswegs korrekt. Die Gesten werden mit der entsprechenden Mimik unterstrichen und die gesamte Körperhaltung ist von großer Bedeutung. Je nach Gesprächspartner werden die gebärdeten Wörter auch mit Lippenbewegungen mitgesprochen, um das Ablesen von den Lippen zusätzlich zu den Gesten zu vereinfachen. Gebärdensprache wird also mit vollem Körpereinsatz gesprochen!

Einige Gebärdensprachdolmetscher übersetzen sogar Lieder in die Gebärdensprache, wobei diese Interpretationen den Schwung und Rhythmus der entsprechenden Lieder auch Hörenden bestens übermitteln. (Ein Beispiel hierfür finden Sie hier.)

Gebärdensprache lernen – wie, wo und warum?

Gebärdensprache gibt es schon seit vielen Jahren, doch seit 1960 ist sie in den USA anerkannt, was die internationale Anerkennung von Gebärdensprachen als offizielle Sprachen nach sich gezogen hat. Deutschland zog mit dieser weltpolitischen Entwicklung jedoch erst 2002 mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes gleich und verabschiedete in allen Bundesländern Landesgleichstellungsgesetze. Seither ist die Gebärdensprache auch in Deutschland offiziell anerkannt.

Seither gibt es nicht nur Schulen für Hörgeschädigte, in denen Gebärdensprache auf dem Lehrplan steht, sondern auch in manchen Regelschulen Pilotprojekte, auch hörende Kinder in der Gebärdensprache ausbilden zu lassen, um hörgeschädigten Menschen den Umgang und die Verständigung mit Hörenden zu erleichtern und hörende Kinder für Körperbehinderungen zu sensibilisieren. Auch in Volkshochschulen kann man Gebärdensprache erlernen.

Das Erlernen dieser Sprache und Gesten stellt für jeden Einzelnen eine große Bereicherung dar (wie das Erlernen sämtlicher Sprachen), und ist gleichzeitig ein sozialer Beitrag und ein Aufruf zu mehr Gleichberechtigung und Gleichstellung!