Gepostet am 10. Juli 2015 · Gepostet in Sprachgeschichte

Auch wenn der Begriff „Dragoman“ heute nicht mehr unbedingt bekannt ist, so war er doch einst entscheidend für die Dolmetscherbranche.
Die hat ihren Ursprung nicht, wie man vermuten könnte, in der modernen Technologie mit Glaskabine und Headset mit Mikrofon, sondern in längst vergangenen Jahrhunderten im Nahen Osten mit seiner wüstenhaften Landschaft. Dort war ein Dragoman sowohl Reise- und Touristenführer als auch Dolmetscher und Übersetzer. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus wurde diese spezielle Berufsgruppe in Ägypten eingeführt. Ausgeübt wurde ihre Tätigkeit hauptsächlich von im Land lebenden Griechen, die sich für ihre Landsleute auf Reisen verdingten.

Im Laufe der Zeit, als mit dem Christentum der Brauch der Pilgerreisen aufkam, profitierte vor allem diese Region von dem nicht abreißenden Pilgerstrom nach Jerusalem, was ebenso im Nahen Osten gelegen ist. Die Dragomanen waren also gezwungen, sich anzupassen und neben griechisch und ägyptisch möglichst viele europäische Sprachen dazu zu erlernen und zu verdolmetschen. Das Wort gelangte so nach Europa und wurde beispielsweise im Deutschen als „Trutzelmann“ eingeführt, im Französischen als „truceman“.

Im Hochmittelalter mussten Dragomanen in Arabien durch den Sultan akkreditiert werden: Der Vorläufer der staatlichen Dolmetscherprüfung war geboren! Ein arabisch ausgesprochenes „Dragoman“ ergab „targuman“, mit einem als „sch“ ausgesprochenen „g“. Dies war die Wurzel für unser heutiges Wort „Dolmetscher“, welches das arabische „sch“ immer noch beinhaltet.

Im 16. Jahrhundert wurde der Begriff auf den gesamten Bereich des Nahen Ostens ausgedehnt und erstreckte sich nicht mehr nur auf Ägypten, auch wenn weiterhin hauptsächlich Griechen diese Aufgabe übernahmen und die Brücke zwischen Europäern und Persern, Ägyptern oder Türken darstellen. Sie erwiesen sich auch in diplomatischer Hinsicht als unentbehrlich, da sie mit ihren Sprachkenntnissen auch zwischen hochrangigen Staatsbeamten vermitteln konnten. Durch den Aufstieg des Osmanischen Reichs, der heutigen Türkei, traten die Dragomanen allerdings ihre diplomatische Arbeit an die von der Regierung beauftragten Botschafter und Konsuln ab, blieben jedoch weiterhin wichtige Vermittler zwischen den Kulturen.

Noch im vorletzten Jahrhundert verwendete man den Begriff „Dragoman“, um einen Dolmetscher speziell für den Verkehr zwischen den Landesbehörden und den Gesandtschaften und Konsulaten im Orient zu bezeichnen. Auch wenn über einzelne Dragomanen und ihre Verdienste leider kaum noch etwas bekannt ist, findet sich im heutigen Sprachgebrauch, für den der genau hinschaut, doch noch ein Hinweis auf sie:
Von der altfranzösische Bezeichnung „truceman“ für den Dragoman ist offenbar der erste Teil „truce“ in gleicher Schreibweise ins Englische übergegangen oder stammt von dort . Im Englischen hat es zwar an sich von der Bedeutung her wenig mit einem Dragomanen, einem Dolmetscher gemeinsam, aber es bedeutet dort heute so viel wie „Waffenstillstand, Waffenruhe“. Die „truce flag“ ist sogar die berühmte weiße Flagge, das Friedenssymbol schlechthin.

Dolmetscher sind also Friedensstifter! Früher wie heute, in Ägypten genauso wie auf der ganzen Welt!