Die weißen Flecken auf der Landkarte der Sprachwissenschaftler – unbekannte Sprachen

Gepostet am 19. Juni 2015 · Gepostet in Sprachwissenschaft

Es gibt sie wirklich noch: Völker, hauptsächlich Naturvölker, die noch immer unentdeckt sind. Sie befinden sich vor allem in großen Urwaldgebieten, Insellandschaften oder in großer Gebirgshöhe. Und sie sind sowohl für Anthropologen als auch für Sprachwissenschaftler interessant. Denn ihre Kultur und Sprache ist bisher von der „Zivilisation“ noch gänzlich unberührt geblieben.

Wie schaffen es diese Völker, so lange unentdeckt zu bleiben und sich völlig von der Außenwelt abzuschotten? Und wie gelangen Forscher letztendlich doch hinter ihr Geheimnis?

Der erste Grund, weshalb es gelingen kann, eine unentdeckte Kultur und Sprache zu pflegen, liegt darin, dass solche Sprachen häufig nur von einer kleinen Gruppe Menschen gesprochen werden. Denn je mehr Menschen eine Sprache sprechen, desto bekannter und verbreiteter ist sie folglich. Hat die Sprache aber nur eine kleine Anzahl an Sprechern, ist somit also eine Minderheitssprache in einem Gebiet, in dem eine andere Sprache vorherrscht, ist es leichter, unentdeckt zu bleiben. Seltene Sprachen sind auch häufig in unwegsamem Gebiet, wo Forscher selten hinkommen, anzutreffen.

Im Jahre 2008 ist beispielsweise die Sprache Koro entdeckt worden. Sie ist in einer Gebirgsregion im äußersten Nordosten Indiens zu finden. Bis zu ihrer Entdeckung war sie vollkommen unbekannt und es waren bisher auch keinerlei Forschungen oder Aufzeichnungen über sie vorgenommen worden. Auch Schriftstücke in dieser Sprache waren noch nie gefunden worden, da Koro offenbar nur mündlich gebraucht wird und keine Schriftsprache davon existiert. Das Rätsel, vor dem die Forscher bei der Entdeckung des Koros standen, ist, dass in den Dörfern dieser Gebirgsregion eigentlich eine völlig andere Sprache gesprochen wird, die sich Aka nennt und zu den tibetisch-birmanischen Sprachen zählt. Und eigentlich wollten die Forscher Aka näher unter die Lupe nehmen, als sie unerwartet auf Koro stießen. Denn die Koro-Sprecher leben Tür an Tür mit Aka-Sprechern, teilweise familienübergreifen, und sind von ihnen kulturell nicht zu unterscheiden. Kleidung oder auch landwirtschaftliche Methoden sind vollkommen identisch. Doch der Wortschatz von Koro unterscheidet sich erheblich, sowohl von Aka als auch von sämtlichen anderen bekannten Sprachen Indiens. Dies war zuvor nur nicht entdeckt worden, da das fragliche Gebiet von China beansprucht wird und somit die Einreise stark beschränkt ist und die Dörfer sehr abgelegen und hoch im Himalaya liegen.

Aka gilt als Sprache der einstigen Sklavenhändler in der Region. Aus diesem Grund vermuten Sprachforscher nun, dass Koro möglicherweise die Sprache der verkauften Sklaven gewesen sein könnte. Dies würde die Abweichungen der beiden Sprachen voneinander erklären.

Indien ist für seine Sprachenvielfalt bekannt, da sich über 100 Sprachen verschiedener Stämme ausmachen lassen. Doch eine nähere Erforschung dieser Minderheitssprachen gestaltet sich vielfach als schwierig. Denn je kleiner die Sprecherbasis ist, desto gefährdeter ist eine Sprache vom Aussterben. Weltweit stirbt laut Forschern offenbar alle zwei Wochen eine Sprache für immer aus. Dieser Prozess kann bei besonders seltenen Sprachen innerhalb von nur einer Generation geschehen, da die nächste Generation die vorherrschende Sprache lernt und spricht. Sprachforscher, die sich der Erforschung neuer Minderheitssprachen widmen, stehen also unter großem Zeitdruck.

Von der Sprache Koro soll daher nun ein Audio-Wörterbuch erstellt werden, um Wortschatz und Grammatik näher zu erforschen und um die Sprache eben auch dauerhaft zu machen, denn die Schätzungen ihrer Sprecheranzahl schwankt zwischen nur 800 – 1400 Sprechern.

Es bleibt spannend, ob wir je einmal herausfinden, wie viele Sprachen es auf der Erde wirklich gibt…