Die Entwicklung der Lingua franca – nicht nur für Franken

Gepostet am 29. Mai 2015 · Gepostet in Sprachgeschichte, Sprachwissenschaft

Der Begriff „Lingua franca“ bedeutet heute so etwas wie eine allgemein gebräuchliche Sprache, eine Verkehrssprache, die von den meisten Menschen gesprochen und/oder verstanden wird, in der eine Kommunikation also trotz verschiedener Muttersprachen möglich ist.

Ursprünglich war die Lingua franca eine auf romanischen Sprachen basierende, hauptsächlich aus dem Italienischen stammende, vereinfachte Sprache, die im Mittelalter zur Verständigung zwischen Romanen und Nicht-Romanen (beispielsweise Arabern) entstand und bis ins 19. Jahrhundert vor allem an der Mittelmeerküste verbreitet war. Auf ihre Sprecher ausgelegt vereinte sie in sich Elemente des Italienischen, Französischen, Portugiesischen, Englischen und weniger auch des Deutschen. Durch Kreuzzüge und Handelsausbau übernahmen auch Araber, Perser, Rumänen oder slawische Sprecher diese Sprache, um sich mit Europäern zu verständigen. Entgegen des gängigen Eindrucks handelte es sich hierbei aber nicht um eine Mischsprache oder um ein mühsames Radebrechen mit wild durcheinander gewürfelten Wörtern in verschiedenen Sprachen, sondern um eine in sich geschlossene, klar abgrenzbare, eigene Sprachentwicklung.

Der Beriff „Lingua franca“ kam auf, da Araber Europäer gewöhnlich (unzutreffenderweise) als „Franken“ bezeichneten. Deren Sprache nannten sie dann also folgerichtig die „Linga franca“ – die Sprache der Franken.

Eine „Lingua franca“ im heutigen Sinn gab es aber schon lange vor dieser romanischen Lingua franca. Eine Lingua franca als Verkehrssprache existiert schon immer, seit Menschen verschiedener Muttersprachen zusammentreffen, egal ob um Handel zu treiben oder durch Berührungspunkte bei dichter Besiedelung. Meistens sind diese Sprachen die der im Moment dominierenden Länder. Maßgeblich hierfür sind sowohl Sprecheranzahl als auch Reputation und Machtanspruch der betreffenden Länder.

In der Antike waren vor allem die drei Großmächte Ägypten, Griechenland und später Rom die Lieferanten einer Verkehrssprache. Vor allem Rom brachte seine Sprache, das Lateinische, durch die extreme geographische Ausdehnung des Römischen Reiches in den gesamten europäischen Kontinent und weit darüber hinaus. Selbst in Nordafrika wurde Latein gesprochen. Die enorme Bedeutung des Lateinischen wird auch daraus ersichtlich, dass Latein bis weit in die Neuzeit hinein als Bildungssprache und auch (oder gerade deshalb) als Sprache der Kirche galt. Wissenschaftliche Abhandlungen wurden auf Lateinisch verfasst und Gottesdienste ebenso auf Lateinisch abgehalten. Selbst Senioren von heute werden sich noch an den Firmunterricht erinnern, in dem Kirchenlatein gelehrt wurde.

Im Übergang zur Neuzeit wurde Französisch zu einer überaus wichtigen Sprache der Diplomatie und des Adels, es galt durch den als vornehm wahrgenommenen Tonfall als „chic“. Damen aus „gutem Hause“ sollten fließend Französisch sprechen, obwohl Mädchen und Frauen zu dieser Zeit der Zugang zu Bildung sonst eher verwehrt blieb. Selbst in Russland kam diese Sprachmode an und gewährleistete eine zuverlässige Verständigung.

Zur selben Zeit war die Kolonialisierung in vollem Gange und in diesem Zusammenhang wurde eher Portugiesisch als Seefahrersprache als Verkehrssprache verwendet.

Auch das Deutsche hatte von dieser Zeit an bis zum Zweiten Weltkrieg als „Sprache der Dichter und Denker“ eine weite Verbreitung in Europas Wissenschaftskreisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde vor allem das Englische durch eine große räumliche Ausbreitung dominierend und ist auch heute noch Weltsprache Nummer Eins in sämtlichen Bereichen. Im afrikanischen Raum ist Französisch jedoch vorherrschend, als Nachwirkung und Relikt der Kolonialzeit. Auch Russisch genießt selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in weiten Teilen Asiens und Osteuropas ein hohes Ansehen und große Verbreitung.

Die Amtssprachen der Vereinten Nationen gelten als die sechs größten und wichtigsten Sprachen der heutigen Zeit. Sie werden nicht nur in ihren Herkunftsländern gesprochen, sondern eben als Lingua franca von vielen Menschen der Welt gesprochen und verstanden und besitzen eine große Verbreitung. Es sind seit Gründung der UN im Jahr 1946 Englisch, Französisch, Mandarin-Chinesisch, Russisch und Spanisch. 1973 kam dann noch Arabisch als sechste Amtssprache hinzu. Ein Mensch, der diese sechs Sprachen beherrscht, könnte sich also mit dem allergrößten Teil der Weltbevölkerung problemlos verständigen – ein toller Gedanke!